Sonst geht nur eine Fähre ohne Schlafplatz, die für eine Strecke vierundzwanzig Stunden braucht. Immerhin ist geplant, eine größere Maschine einzusetzen. Die muss allerdings für die kurze Landebahn gute Bremsen haben. Die Baracke für die ankommenden Gäste sieht aus, als sei sie in Marienborn abmontiert. Die schäbigen Gardinen erinnern an ehemalige DDR-Kontrollstellen. Dazu passt die umständliche Prozedur.
Jeder Touristenpass wird von einem Beamten mit der Hand abgeschrieben. Dann schleppen ein paar Kofferträger das Gepäck (mehr als zehn Kilo sind nicht erlaubt) an den Strand und werfen es über die Brandung in ein Boot. Es gibt keinen Landungssteg. Die Gäste müssen Schuhe und Strümpfe ausziehen, die Hosen hochkrempeln und vom Wasser aus über die Bordwand klettern. Man sitzt in der brennenden Sonne im Kutter zwischen dem Gepäck, und wenn man Glück hat und der Motor hält durch, ist man in zwei Stunden auf Bangaram.
Durch den Monsun
John ist der Manager des einzigen Resorts auf der Insel Bangaram. Er kommt aus Bombay. Seine Familie besucht ihn in den Ferien. Alle fünf Monate fährt er nach Hause. Die Nachmittage vertreibt er sich mit Malerei.
Johns Resort kann fünfzig Gäste beherbergen. Vor allem kommen Taucher. Die Lakkadiven gelten als eines der besten Tauchreviere der Welt. Zwischen Mitte Mai und Anfang September ist die Tauchbasis wegen des Monsuns geschlossen, und im Resort sind nur wenige Gäste. Eigentlich ist das die beste Zeit für einen Aufenthalt, wenn man wirklich einmal das Gefühl haben will, von Gott und der Welt verlassen zu sein, oder um eine "traurige Erzählung von einem einsamen stummen Leben zu beginnen", wie Robinson sie aufgeschrieben hat.
John nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er Neuankömmlinge an der Strandbar des Bangaram Resorts begrüßt. "Wir sind nicht auf den Malediven", sagt er. "Wir haben keine Klimaanlagen, kein Telefon, kein Fernsehen, und merkt euch, Leute, hier gibt es nur Grundausstattung. Das Wasser, das aus der Dusche kommt, riecht nach faulen Eiern. Wir sitzen auf einem Vulkan, und da kann man eben nur Schwefelwasser hochpumpen. Entweder ihr gewöhnt euch dran, oder ihr wascht euch nicht. Wenn ihr was in die Wäsche geben wollt, dann sollte euch klar sein, dass die auch in der Schwelbrühe gewaschen und auf Steinen trockengeschlagen wird. Lasst nichts am Strand liegen. Hier gilt das Gesetz, wer etwas findet, dem gehört es. Wir haben keine wilden Tiere außer Mücken, und darunter eine besonders fiese Sorte. Ärzte haben wir auch nicht, und wer ernsthaft krank wird, hat keine Chance. Aber ich denke, das habt ihr euch vorher überlegt. Und passt auf", ruft er den Neuankömmlingen nach, "dass euch eure europäische Zeit nicht verlorengeht und ihr am Abflugtag rechtzeitig eure Koffer gepackt habt!"
Die Angestellten des Resorts wohnen verstreut mit ihren Familien in Hütten im Palmenwald der Insel, die man in zwei Stunden umrunden kann. Von einer Seite zur anderen braucht man eine Viertelstunde und wundert sich über den Plastikmüll, der überall herumliegt und auf dem Inlandteich aus Brackwasser treibt. Am Morgen fahren wir mit Jeremy und Deepu hinaus zum Riff. Am Rand der Lagune liegen zwei winzige Inseln. Einen Monat dort leben? Oder länger? "Das kannst du vergessen", knurrt Jeremy. Deepu blickt noch finsterer zum Horizont und lenkt das Boot quer durch die Lagune in Richtung auf Parali I. Die Insel ist wie aus einem Inselwitz. Ein Fußballfeld aus Kokospalmen. Vielleicht könnte man auf Parali I wenigstens einen Tag und eine Nacht verbringen. Wie romantisch.
Ein kleiner Schiffbruch
Das Fischerboot ist nicht für Touristen gedacht. Überall stehen Nägel heraus. Beim Sprung über Bord an den Strand zerreißt die Hose, und die Sandalen werden ins Meer gespült. "A little shipwreck", lacht Jeremy, und man erhascht einen winzigen Zipfel der tatsächlichen Schicksale von Schiffbrüchigen oder Ausgesetzten, die hinter der Geschichte von Robinson Crusoe stecken. Der Europäer ist es nicht gewohnt, barfuß zu gehen. Es gibt einen Pfad durchs Unterholz zur anderen Seite der Insel. Bis zur Hälfte des Wegs halten die Fußsohlen durch. Jeder Schritt kitzelt die Leber und bringt das Gehirn zum Weinen. In der Mitte der Insel steht eine Art Gedenkstein. Darauf ist der Name des Eilands eingraviert, und die Zugehörigkeit zum Territorium des indischen Unionsstaates Lakshadweep wird annonciert.
Die Fußsohlen wollen das Survivaltraining möglichst schnell beenden. Der Himmel hängt voller Kokosnüsse, und es ist nicht so, dass dieser Grund und Boden niemandem gehört. Auf den Lakkadiven wie auf vielen Inseln im Indischen und Pazifischen Ozean gilt bis heute das matriarchale Erbrecht. Das heißt, die Frauen besitzen das Land und vererben es an die weiblichen Nachkommen. Eine Notwendigkeit in Seefahrerfamilien, in denen nie sicher war, ob die Männer zurückkamen. Den Frauen gehören alle Palmen, und sie sind die Managerinnen der Kopra-Wirtschaft auf den Inseln. Die Einwohner der Lakkadiven sind Muslime, und dennoch haben traditionell die Männer nichts zu sagen. Sie ziehen nach der Hochzeit ins Dorf und Haus der Frau. "Und wenn sie die Nase voll hat, dann stellt sie dir den Paddel vor die Tür", sagt Jeremy grinsend.
Fortsetzung auf Seite V2 "Kann schon mal sein", sagt Jeremy dann, "dass die Frauen die Männer verdreschen. Kann aber auch sein, dass du hier über Nacht von ein paar Fischern und Kokosfarmerinnen als Eindringling auf ein Boot geladen und jenseits des Riffs den Haifischen vorgeworfen wirst."
Die Lakkadiven waren seit jeher Seeräuberstützpunkte. Die Inselgruppe lag auf der direkten Schifffahrtslinie zwischen den indischen und den arabischen Handelshäfen. Die Seeleute ließen hier Frauen und Kinder zurück, bevor sie sich für den großen Sprung zur arabischen Halbinsel aufmachten. Die Frauen begannen mit dem Kokoshandel. Kokosmilch war die einzige trinkbare Flüssigkeit. "Wir könnten dir eine Kiste Bier hierlassen", sagt Jeremy, "und nächste Woche nach dir sehen. Aber in einer Woche beginnt der Monsun."
Die Monsunzeit dauert bis August. "So lange wird das Bier nicht reichen", sagt Jeremy. "Und es ist fraglich, ob wir mit dem Boot noch rauskommen. Du müsstest also lernen, auf die Palmen zu klettern, um an die Kokosnüsse zu kommen." Manchmal verschwindet eine Insel auch nach einem Monsun. Parali III ist zum Beispiel im letzten Jahr in einem Sturm untergegangen, erzählt Deepu. Man ist froh, dass man wieder im Boot sitzt in Richtung Bangaram.
Eine beliebte Frage ist, was für ein Buch man auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Aber es fällt einem nicht ein, hier zu lesen. Kein Text könnte die Farbe der Wolken beschreiben, die sich am Horizont türmen, und keiner das Gefühl aus Angst und Glück, das man in der Dämmerung mutterseelenallein am Strand hat. Wenn es dunkel ist, stellen die Angestellten Stühle und Tische auf den Strand. Es wird der Fisch gegrillt, der gefangen wurde. Der Mond scheint, und die Mücken beißen.
Fische werden nie von Mücken gestochen, und man wird neidisch auf das Tier, das man mit Messer und Gabel zerlegt. Korallenbänke sind wie Kontinente oder Planeten. Welten für sich, zwischen denen man wie im Traum hin und her schweben kann. Die Lagune bietet auch während der Monsunzeit für Schnorchler genug Unterwasseransichten. Man muss nicht bis zum Riff hinaus, wo die Strömung zu stark wird. Man kann über den Korallenkuppen im nur wenige Meter tiefen Wasser zwischen bunten Fischschwärmen schwimmen und staunend über die Kleinwelten gleiten, über fatalen Öffnungen, die einen Finger kappen können, wenn man ihn hineinsteckt, über Saugarme, die ausschauen wie Pflanzen, aber mit lähmendem Gift schießen, wenn man sie berührt.
Und plötzlich ertappt man sich dabei, mit den Fischen zu reden. Fische verstehen eigentlich alle Sprachen. Aber sie verstehen die Menschen nicht, weil die ihre Zähne nicht auseinanderkriegen, mit denen sie das Mundstück ihres Atemgeräts festhalten.
Beim Gin Tonic antwortet Naseer, der Barmixer, auf die Frage, ob er je in seinem Leben eine Temperatur unter 25 Grad Celsius gefühlt habe: No, Sir. Es nützt nichts, ihm von Eiszapfen zu erzählen. Das ist so, als wolle man den Fischen die Sahara erklären. Eine Welt, die zeitweise gänzlich von dem Material überzogen ist, das er als Würfel in seine Cocktails tut, kann er sich nicht vorstellen. Das ist Glück: Jeden Abend einem solchen Menschen gegenüberzusitzen und mit ihm zu plaudern.