Das Papasöhnchen

AUS HEIDELBERG JOHANNES GERNERT

Carlchen kotzt. Geräuschlos, ein kurzer Schwall, karottenorange, auf den beigen Pullover. Elmar Menold sieht einen Wimpernschlag lang etwas genervt aus. Dann nimmt er das weiße Leinentuch, wischt Carlchen den Mund sauber und sich selbst den Babybrei von der Schulter. Er wird den Kleinen gleich hochheben, an den runden Cafeteria-Tischen des Uni-Klinikums vorbeitragen, die Leute werden lächeln, winken, zwinkern, eine Frau wird seinen Sohn einen Charmeur nennen. In seinem Büro, wo er ihn vorhin noch auf dem Tisch seines Kollegen gewickelt hat, wird er Carlchen noch mal die Flasche geben, ihn warm einpacken und anschließend im wendigen Buggy durch die Klinikflure nach draußen schieben. Durch die Türen immer rückwärts: er zuerst, dann der Wagen, dann wenden. Elmar Menold bewegt sich mit dem Kinderwagen wie ein Verliebter in einem Hollywood-Film - tänzelnd, schwebend. Alles wirkt so leicht. "Nein, danke, geht schon", sagt er, als ihm an diesem Morgen ein junger Mann beim Aussteigen aus der Straßenbahn helfen will.

Menold ist einsneunzig groß, 38 Jahre alt und seit zehn Monaten Vater. Fünf davon hat er jetzt schon zu Hause verbracht, in der Eigentumswohnung am Stadtrand von Heidelberg mit dem Laufstall, dem Kinderzimmer und dem bunten Spielzeug. In keiner anderen deutschen Stadt ist der Anteil von Vätern unter den Elterngeldbeziehern so hoch: 17 Prozent. Direkt danach kommt Freiburg: 16,9. Aber auch Stuttgart, Karlsruhe, Böblingen und Esslingen haben über 10 Prozent Elterngeld-Männer, so wie München, Landshut, Eichstätt, Passau und, natürlich, Berlin. Das sind alles noch vorläufige Zahlen, endgültige für das erste Elterngeld-Jahr 2007 gibt es Ende Januar. Trotzdem scheint klar: Die Finanzhilfe des Familienministeriums macht besonders in süddeutschen Universitätsstädten viele Erzeuger zu Erziehern.

Es ist noch gar nicht so lange her, vier Jahre etwa, dass der Diplom-Medizintechniker Elmar Menold Carlchens Mutter kennen gelernt hat. Er musste als Uni-Mitarbeiter zu einem Fortbildungskurs. Sie war die Dozentin. Wie Schüler und Lehrerin wirken die beiden heute noch ein wenig. Er, der Fußballtrainer, Fallschirmspringer, Landwirt und Hobby-Schreiner mit den Locken, den flussgrünen Augen. Sie, die Kleinere, Strengere mit dem kastanienroten Haar. Er hat damals in dem Kurs nicht aufgepasst, sondern einen Adventskalender gebastelt. "Entweder Sie lassen das oder Sie machen mir auch einen", hat sie gesagt. Er fing sofort mit dem zweiten an.

Nach eineinhalb Jahren Beziehung waren Elmar Menold und Cornelia Hoffmann Ende dreißig. Sie saßen in dieser süddeutschen Universitätsstadt mit Theater, Kinos, Radwegen, öffentlichem Nahverkehr, dem Neckar, dem Odenwald. Sie hatten gut bezahlte Jobs, sie hatten alles - nur noch kein Kind. Er wollte eines und sie hatte nichts dagegen. Aber sie war an der Uni gerade Leiterin des betriebsärztlichen Dienstes geworden. Wenn sie ein ganzes Jahr aussetzen würde, wäre sie raus, das wusste sie. Sie wollte das nicht aufgeben.

Während Elmar Menold in Heidelberg mit seiner Freundin übers Kinderkriegen nachdachte, beschloss die schwarz-rote Koalition in Berlin die Regeln fürs Elterngeld. 14 Monate lang würden bis zu 1.800 Euro gezahlt. Vater und Mutter könnten sich die Zeit aufteilen. Als Cornelia Hoffmann im Sommer 2006 die Pille absetzte, kannte sie diese Zahlen. Sie lasen sich wie eine Lösung: Ein halbes Jahr würde sie zu Hause bleiben, dann könnte ihr Freund übernehmen. Sie wurde sofort schwanger. "Das Elterngeld hat den Ausschlag gegeben", sagt Hoffmann heute, "mindestens zu 50 Prozent." Ein Baby war bis dahin eine von mehreren Möglichkeit gewesen. So wie all die Namen Möglichkeiten waren, die sie vor der Geburt nach und nach von der Liste strichen, abwechselnd, bis einer übrig blieb: Carl. Mit dem Elterngeld wurde das Kind zur lukrativen Option. "Es war sehr transparent, was zur Verfügung steht", sagt die Mutter. "Es hat alles so einfach gemacht, auch für die Gleichberechtigung."

Im Februar wurde Elmar Menold Vater. Seit dem 1. August ist er für Carlchen zuständig. "Ganz klar: Sie hat nen Job. Sie will weiterkommen", sagt er. Und er hat statt der Karriere die Nähe zum Kind: "Ich krieg ihn immer zum Einschlafen, die kleinen Kniffe, die kenne halt ich." Nur er kann dieses "Nei-hen" so hochziehen, dass es wirkt. Nei-hen, nicht an die Blumen! Seit Carlchen auf der Welt ist, hat er noch keine Nacht ohne seinen Vater verbracht. Ohne seine Mutter schon mehrere. Mittwochs oder donnerstags nämlich packt Menold ihn in den Kinderwagen und fährt raus aufs Land, zu seinen Eltern. Deren Bauernhof, "ein riesiger Abenteuerspielplatz", gehört mittlerweile ihm.

Die Eltern fanden das anfangs etwas seltsam, dass er sich um das Kind kümmert. Aber Menold ist einer, der Dinge durchzieht. "So was lass ich gar nicht aufkommen in der Diskussion", sagt er. Mittlerweile bewundern die Leute auf dem Land ihn eher. Und wenn er mit dem Buggy auf dem Campus unterwegs ist, kommen ihm häufiger auch andere Väter mit Kind entgegen. Die Uni macht das alles einfach. An den Instituten ist es normal, dass Leute für ein halbes Jahr ausfallen, weil sie ins Ausland gehen oder ein Buch schreiben. Das flexible Arbeitsumfeld treibt den Anteil der Elterngeld-Väter nach oben. Außerdem ändert sich das Klima: Das Betreuungsangebot wächst rasant. Der Heidelberger Bürgermeister betont, wo er kann, die Familienfreundlichkeit. An der Uni haben sie gerade neue Krippenräume eröffnet. Ein Bündnis für Familie ist gegründet worden, an dem sich Unternehmen und öffentliche Einrichtungen beteiligen. Das beste Argument aber bleibt die Förderung. Die meisten von Menolds Elterngeld-Kollegen nehmen sich nur zwei Monate, nicht ein halbes Jahr. Elmar Menold kennt einen Arzt aus dem Klinikum, der das jetzt tut. Der lernt in der Zeit für seine Prüfungen. Ein anderer hilft gerade beim Hausbau. Aufs Kind passt wohl die Oma auf.

Diesen Alibi-Erziehern entgeht etwas, glaubt Menold. Auch er allerdings hatte sein Projekt. Er hat auf dem Hof seiner Eltern eine Photopholtaik-Anlage installiert. "Das war wichtig für seine Selbstbestätigung", sagt Cornelia Hoffmann in ihrem Büro, in dem sie seit August wieder sitzt. Sie ist sogar noch mal aufgestiegen seitdem. Menold will kein Softie sein. Er findet es witzig, wenn er mit Carlchen beim Babyschwimmen zwischen 19 Müttern steht - vom Beckenrand aus fotografieren die Väter. Er wundert sich manchmal, wie sehr man sich darüber freuen kann, dass nach mehreren Tagen Durchfall wieder "feste Kacki" in der Windel liegt. Aber die Solaranlage ist der Beweis, dass er in dieser Zeit auch etwas anderes geschaffen hat. Als müsste er sich versichern, dass mit ihm alles in Ordnung ist. Trotzdem.

Eckart Scholl hat vorerst keine Zeit für andere Beschäftigung. Leander Jonathan Max, Scholls Sohn, kam am 7. Oktober zur Welt. Seit zwei Wochen kümmert sich der Vater um ihn. Scholl ist ein ruhiger, runder, ein vorsichtiger Typ, 41 Jahre alt. Seine Aufgabe beschreibt er so: "Rauskriegen, was er hat, wenn er heult." Es klingt nach Experiment und nicht nach Projektmanagement wie bei Elmar Menold. Vielleicht ist es eine Frage der Zeit, vielleicht auch des Typs.

Eckart Scholl hat nur ein paar Büros von Menold entfernt gearbeitet, im Chefsekretariat der Inneren Medizin. Er hat Theologie studiert, keine Pfarrersstelle bekommen, umgeschult und ist Sekretär geworden. Seine Frau verdient als Bilanzbuchhalterin deutlich mehr als er. Es war deshalb nie wirklich die Frage, wer zu Hause bleibt. Scholl wird wohl 830 Euro Elterngeld bekommen, für ihn "ein angenehmer Nebeneffekt." Zwölf Monate lang. Er will aber für drei Jahre zu Hause bleiben, Leander soll nicht in die Krippe gehen.

Elmar Menold, Cornelia und Carl Hoffmann dagegen nehmen den Weg, den ihre Familienministerin für sie vorgesehen hat. Carlchen wird eine zweisprachige Krippe besuchen, mit Bio-Essen, das ist schon organisiert. Man könnte mit ihm einen Werbeprospekt gestalten, Titel: "Carlchen - das Elterngeld-Kind".

Menold und Hoffmann integrieren das Baby in ihr Leben, ohne sich von ihm alles diktieren zu lassen. "Bei uns wird Carlchen nach dem Essen gewickelt", sagt der Vater. "Und entsprechend kackt er auch." Sie organisieren sich Freiräume. Es gibt exakte Wochenpläne mit Mengenangaben in Millilitern für Babynahrung und Getränke. Wenn sie einander das Kind am Bahnhof übergeben, weil er zum Fußballtraining muss oder sie auf den Golfplatz, weiß der andere genau, was Carl gegessen, wie lange er geschlafen hat.

Bei Eckart Scholl sieht das alles noch ein bisschen anders aus. Den Elterngeld-Antrag hat er gerade abgegeben. Es war nicht einfach, erst musste er die Kinderwagen-Auffahrt am Hintereingang finden, dann den Fahrstuhl. Eine Weile wird es dauern, bis er das Geld kriegt. Die Ämter kommen mit dem Bearbeiten von Anträgen immer noch kaum hinterher. Scholl ist einer von denen, die nur ein bisschen profitieren. Und dann gibt es auch die, die sich mit ihren wenigen hundert Euro Erziehungsgeld sozial völlig benachteiligt fühlen.

Elmar Menold und Cornelia Hoffmann sagen beide, dass sie die Kosten für Carlchen problemlos hätten ohne Unterstützung schultern können. Die Sache ist nur die: Vielleicht hätten sie es ohne einfach nicht getan. Wenn er noch ein Jahr finanziert bekäme, sagt Menold, er würde länger zu Hause bleiben.