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Mittwoch, Mai 20, 2009

Kuba revisited

1990 haben meine Eltern und ich Kuba nach 5 Jahren Aufenthalt verlassen. Nun kehre ich als "Vorhut" zurück - mit sehr gemischten Gefühlen - schließlich sind fast 20 Jahre vergangen. Wie geht es den Nachbarn, wohnen sie noch im alten Haus? Was hat sich an der Lebenssituation geändert, wie frustrierend, wie anstrengend ist der Alltag für die Kubaner abseits der Klischees von Havana-Club/Cohibas/Oldtimern, wieviel Ungerechtigkeit gibt es durch Unterscheidung in Dollar- und Peso-Kuba?

Wir landen in Varadero und fangen in Havanna mit der Spurensuche an: Wir schleichen um das Haus "1 ra entre 36 y 36 a". Alain aus dem Erdgeschoß bringt den Müll raus, und ich spreche ihn. Er erkennt mich und hilft mir, die Nachbarn im 4.Stock zu benachrichtigen. Und wirklich, der Vater Ramon, die beiden Söhne Ramoncito und Julio sowie Ramoncitos Frau Kati und die Söhne Adrian und ? wohnen alle noch hier - wie schön! Die nächsten 3 Tage sind wir immer wieder mal zu Besuch und erzählen viel. Die Brüder haben sich unterschiedlich entwickelt: Julio ist eher der gelegentliche Unternehmer ohne Festanstellung, Ramoncito ist IT-Ausbilder bei einem medizinischen Betrieb. Julio lebt allein, seine Tochter betreut er alle 2 Wochen, Ramoncito hat seine Familie und betreut den Vater zu Hause. Unterschiedlich sind auch ihrer Beurteilung der Situation. Für Julio ist nach einer kurzen Zeit der Öffnung Ende der 90er bis 2004 die Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen ebenso zu Ende, er stellt berechtigerweise fest: Ich habe doch nur ein Leben, wenn mir alles verwehrt wird, ich keine Wahlmöglichkeiten habe, was hat das für einen Sinn. Und er hat Recht, wie soll ein Wirtschaftssystem funktionieren, welches einige Dinge aus politischen Gründen unrentabel billig abgeben muss, während es andere Dinge mit starker Nachfrage nicht ausreichend produzieren kann. Die Kubaner sind sicher wie die DDR-Bürger nicht übermäßig politisch, vielmehr ist für viele das tägliche "Organisieren", die schlechten Wohnbedingungen, die fehlenden Einkommens- und Konsummöglichkeiten trotz guter Ausbildung eine mehr und mehr frustrierende Erfahrung. Suse und ich haben nun eine Reise durch 3 Systeme mitgemacht, in verschiedenen Rollen: Kuba/DDR als Ossi, BRD als Ossi und nun Kuba als Wossi - und viele Kritikpunkte und Absurditäten, auch schon vergessene, kommen uns klarer vor. Es drängen sich viele Vergleiche und Rückblicke zur DDR auf: Analog zur DDR muss auch hier niemand hungern oder frieren oder hat keine Kleidung, aber darüber hinaus ist Konsum aufwendig und teuer und häufig Glückssache. Und die fehlenden persönlichen Möglichkeiten zu Abitur, Studium, Berufswahl, der staatliche Eingriff in die Lebensplanung werden dann auch zur Belastung. Absurdes hören wir auch hin und wieder: "Es gibt Pressefreiheit - aber das Papier ist so teuer." Und Lustiges: "Die Spanier haben die Mulattin erfunden." Und Tiefsinniges: "Kuba ist eine Insel!" Kubanern ist mittlerweile der Zugang zu Hotels und Ferieninseln wie Cayo Coco, Varadero erlaubt, endlich ist eine jahrelange Diskriminierung von Staats wegen abgeschafft, auch ist der Besitz von CUC möglich, sogar der Umtausch von Peso zu CUC ist möglich. (zu einem sehr schlechten Kurs natürlich) Aber all dies scheinen nur verlängernde Maßnahmen zu sein: Wenn der Staat Angst vor frei zugänglichen Information hat, wenn sich wichtige Einrichtungen selbst mit Quersubventionen nur unter größten Mühen aufrecht halten lassen, wenn sich für einen Berufstätigen selbst jahrerlange Arbeit kaum auszahlt in Hinblick auf bescheidenen Wohlstand, dann kann dieses Ssystem so nicht funktionieren.

Mein Restspanisch verhilft mir zu einer recht lockeren Art, auf Leute zuzugehen und kleine Gespräche zu führen (wundert mich selbst) und vieles ergibt sich auch, da die Kubaner zwar nur unvollständige Informationen von "der Welt da draußen" haben, aber sehr aufgeschlossen und positiv neugierig sind. Manche berichten von ihren Jahren in der DDR, der "Rada" (RDA - im Gegensatz zur BRD, RFA, "Rafa") und auch dabei wird die heutige Realität sichtbar: Ein studierter Maschinenbauer repariert Häuser, ein Flugzeugmechaniker gibt den Parkwächter. Aber Suse hat recht, wenn sie zu bedenken gibt, womit Kubas Wirtschaft zu vergleichen ist: China, Rußland, Polen, Tschechien, der bankrotten DDR oder doch eher Mexiko, Venezuela, Bolivien? Im Vergleich dazu gibt es auf Kuba eine Einheitlichkeit, Gleichheit auf niedrigen Niveau, aber hier sind viele Funktionäre, Altrevolutionäre und Apparatschiks besser gestellt, dürfen z.B. Häuser privat vermieten und somit Devisen einnehmen.

Ich meine, hier gibt es Parallelen zu China Anfang der 80iger Jahre:

Ende der siebziger Jahre hatte die chinesische Regierung unter Deng Xiaoping beschlossen, marktwirtschaftliche Reformen im Land einzuleiten. Zugleich zeigte die wirtschaftliche Liberalisierung auch ihre Schattenseiten. Die vorher extrem egalitäre Gesellschaft teilte sich in Gewinner und Verlierer der Reformen. Für die Reformverlierer wirkten sich Preissteigerungen der Konsumgüter von 20 % bis 26 % (Ende 1988) direkt auf den Lebensstandard aus. Dagegen war offensichtlich, dass viele Manager und Parteiführer sich verstärkt über Korruption und Amtsmissbrauch bereicherten.

Gegen Ende der achtziger Jahre wurden diese Reformen immer unpopulärer: Lebenshaltungskosten schossen in die Höhe als Folge der Lockerung von Preiskontrollen, Arbeitsplatzgarantien wurden abgeschafft, was eine Welle der Entlassungen zur Folge hatte.

Wang Hui, einer der Organisatoren der Proteste von 1989, zeichnet ein anderes Bild der Proteste als das allgemein verbreitete: Es sei keine Erhebung von ausschließlich Studenten gegen die Kommunistische Partei. Vielmehr sei ein breites Spektrum der Bevölkerung vertreten, das neben demokratischen Reformen eine Abkehr von den aktuellen kapitalistischen Reformen forderte.

Die schlechte wirtschaftliche Lage und eher weniger die politische, individuelle Unfreiheit läßt die Menschen aufbegehren, die Chinesen machen es vor, wie bei hoher Konsumzufriedenheit das absoluten Regime und eine kommunistischer Ideologie vorerst überleben können: Viele jüngere Chinesen, auch und gerade Studenten interessieren sich weniger für die Partei:

Sie stellen das Private über das Politische, sind aber nicht unpolitisch. Studenten in Peking beten weder Parteisprüche nach, noch wollen sie das System stürzen. Sie sind selbstbewusst, kritisch und doch loyal.

Auch die Kubaner sind loyal, aber sie wollen ebenfalls ein System, dass sie besser stellt.

Licht und Schatten, Sonne und Sturm, Paradies und Abgrund - das alles gibt es auf Kuba. Ich werde dranbleiben und mehr via Google-Cuba suchen (ein Test vor Ort hat ergeben, dass erstmal nichts zensiert ist, was eindeutig gegen Kuba ist wie der Sender Marti Noticias) sowie das bekannte Blog der Y-Generation verfolgen. Fidel selbst schreibt auch noch regelmäßig, zumindest werden seine (fast täglichen) Reflektionen hier veröffentlicht: Wer also die offizielle Linie kennen möchte, auch zu aktuellen Themen wie "Obama und das Embargo" , bekommt hier einen Einblick.

Erstellt von tixus um 7:46 PM Kategorien: Reise
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